Gestern abend hatten wir kurz über die Piratenpartei gesprochen. Dabei kam mal wieder die Aussage, dass die Piratenpartei eine Ein-Themen-Partei wäre. Aber ich denke, dass wenn man unterschiedliche Leute frägt, dass diese unterschiedliche Themen nennen werden. Die einen denken da wohl erstmal an die DNS-Sperren (und vielleicht auch an den Fall Tauss) und glauben vielleicht auch den Unfug den Frau Von der Leyern verzapft hat und behaupten, dass die Piratenpartei Kinderporno im Internet haben möchte. Andere vermuten, dass es der Piratenpartei darum geht, im Internet illegal irgendwelche urheberrechtlich geschützten Werke (Musik, Filme) zu verbreiten. Wieder andere sehen die Piraten vermutlich nur als irgendwelche Killerspiele-Spieler. Meiner Meinung nach ist aber das wichtigste Thema der Piratenpartei, dass sie die Bürger über die modernen Medien an der Politik stärker partizipieren lassen wollen. Das habe ich natürlich auch getwittert gehabt.
Das eine Thema der #Piraten+ : Bürger mit Hilfe moderner technischer Mittel (z.B. Internet) an der Politik beteiligen!
Tja, nachdem meine Tweets auch bei Facebook landen – und inzwischen viele Bekannte auch lieber auf Facebook auf Tweets antworten, hat sich dort eine interessante Diskussion entwickelt. Dabei geht es zum einen darum, dass die Piratenpartei in einigen Punkten anderen Parteien gar nicht so unähnlich ist und somit auch einige abweichende Meinungen als Kommentare nicht zugelassen hat. Dabei ging es um den Standpunkt zu Egoshootern.
Das gängige Vorurteil, dass das Spielen von Killerspielen auch zu mehr Gewaltanwendung im Alltag führt, wurde in den letzten Jahren mehrfach durch wissenschaftliche Studien eindeutig widerlegt (siehe Linkliste).
Ich persönlich bin mit dieser Formulierung nicht ganz glücklich. Die Aussage – wenn man jedes Wort analysiert – kann inhaltlich korrekt sein (habe jedoch die verlinkten Studien nur überflogen). Was meiner Meinung nach fehlt, ist aber eine Abschwächung der Aussage. Ich bin der Meinung, dass bereits vorhandene Gewaltbereitschaft unter verschiedenen Umständen durch Killerspiele verstärkt werden kann. Muß aber nicht. Und in vielen Fällen denke ich, dass die Spieler sich sogar eher abreagieren. Aber auf keinen Fall handelt es sich bei Killerspielen um die Ursache für Gewalt. Wer das behauptet, der will sich nicht mit den eigentlichen Problemen beschäftigen.
Mit der Aussage sollen vermutlich vorallem auch die Gamer angesprochen und ein Gegengewicht gegen diese Vorurteile geschaffen werden. Das ist – wie Oli auch geschrieben hat – Populismus. So, wie man es von den anderen Parteien gewohnt ist. Damit verspielt die Piratenpartei aber auch ein Alleinstellungsmerkmal und begibt sich teilweise auf das Niveau einer CDU/CSU herab.
Sinnvoller – aber natürlich wesentlich umfangreicher und komplexer – wäre es daher, gar nicht mehr auf die Killerspiele-Diskussion einzugehen, sondern sich mit den eigentlichen Problemen zu beschäftigen. Dafür ist die Piratenpartei aber noch zu klein.
Anbei noch die Diskussion aus Facebook:
Ich:
Das eine Thema der #Piraten+ : Bürger mit Hilfe moderner technischer Mittel (z.B. Internet) an der Politik beteiligen!
Oli:
Nur schade, dass die meine Beiträge zu ihrer Unfugsmeinung zu den Ego-Shootern nicht veröffentlicht haben. Abweichende Meinung offensichtlich nicht erwünscht.
Ich:
Mich als Pirat interessiert deine Meinung schon. Es hilft mir bei meiner Meinungsfindung, wenn ich unterschiedliche Blickwinkel kenne. Aber jeder Pirat ist anders.
Oli:
Zitat aus dem Standpunkt der Piraten:
“Das gängige Vorurteil, dass das Spielen von Killerspielen auch zu mehr Gewaltanwendung im Alltag führt, wurde in den letzten Jahren mehrfach durch wissenschaftliche Studien eindeutig widerlegt.”
Interess…antwerweise werden dann in der Linkliste nur Studien aufgeführt, die keinen oder einen sehr begrenzten Zusammenhang von egoShootern und Gewaltbereitschaft/tatsächlicher Gewaltausübung aufzeigen.
Jeder, der auch nur 15 Minuten seriös recherchiert, ohne Vorkenntnisse, findet Studien, die zu anderen Ergebnissen kommen. Z.B.; “Exzessives spielen von Ego-Shooter kann, bestimmte Dispositionen vorausgesetzt, Gewaltbereitschaft fördern”. O.ä.
Sprich: die Piraten verstellen sich differenzierten Sichtweisen.
Meine Vermutung: mit differenzierten Sichtweisen vergrätzt man eben die Klientel. Und die ist bei den Piraten eben so wie sie ist.
Würde ich als Politiker ja auch so machen. Ist auch einfacher. Kann man auf andere zeigen, sich echauffieren und die eigene Klientel besser an binden. Und ein paar Hundertausend € mehr Wahlkampfkostenerstattung kassieren, von denen, die es eben gerne einfach haben. Und schafft so eine faktische Verzerrung der Tatsachen. Die da ist: man kann diese heikle Frage eben (noch) nicht eindeutig beantworten.
Da sind die Piraten auch nicht besser als der Rest. Aktuelles Beispiel: Studie zur Atomenergie.
Womit ich nicht gesagt haben will, dass die Position der Piraten, sich gegen ein Ego-Shooter-Verbot einzusetzen, falsch ist. Ganz im Gegenteil, das halte ich für korrekt.
Aber der Zweck heiligt dann eben doch nicht die Mittel, finde ich jedenfalls. Das scheint bei den Piraten teilweise anders zu sein – meine Komnetare blieben unveröffentlicht, Nachfragen unbeantwortet. Blöd nur, dass die damit Ihr eigenes Ideal der web-basierten Basisdemokratie ad absurdum führen (und sich brav bei der CSU oder CDU einreihen).
Felix
In den Problemzonen US-amerikanischer Großstädte gabs schon Amokläufe an Schulen, bevor es überhaupt “Computer” gab, die diese Bezeichnung verdienen. Die Ghettobewohner in den 70ern und 80ern konnten sich wohl keinen IBM-Großrechner ins Woh…nzimmer stellen und DOOM darauf zocken. Denn auch das gab es damals noch nicht.
Die Ballerspiele sind allerhöchstens ein Symptom, aber keinesfalls die URSACHE für die Enwicklung, die wir zur Zeit beobachten können.
Die Politiker der sogenannten “Volksparteien” haben das entweder nicht erkannt, oder (und das ist wahrscheinlicher) sie sind unfähig, etwas daran zu ändern. Deshalb wird mit Plazebo-Pillen wie dem Verbot von Spielen oder dem Sperren von Porno-Seiten gearbeitet. Die von der BILD-Zeitung verblödete Masse frisst diese Pillen und setzt bei der nächsten Wahl ihr weiterhin brav ihr Kreuz bei den üblichen Verdächtigen.
Das Kernproblem fängt bei Bildung, Integration und vollzeit-arbeitenden Eltern an und endet dann irgendwann in Amokläufen und sozialen Problem.
Mal was anderes:
Wann wurde eigentlich das “Umweltministerium” erfunden? Ich glaube das war damals, kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986. Man könnte also sagen, es gab einen “aktuellen Anlass” anzufangen, sich mehr Gedanken um die Umwelt zu machen.
Heute, zu Zeiten in denen Themen wie Internet und Datenschutz immer mehr an Bedeutung gewinnen, da könnte man aus “aktuellem Anlass” doch auch über die Gründung eines Datenschutz-/Telekommunikations-/Medien – Ministeriums nachdenken. Warum sich beschäftigen in der Politik “Experten” mit diesen Themen, die nichtmal die Grundfunktionen eines Browsers beherrschen und diesen gerne mit einem Duschkopf verwechseln?
Wir arbeiten gerade an einem Produkt, mit dem die kreativen Ideen von Mitarbeitern in Form einer “Web 2.0 – Plattform” im Intranet der Firmen veröffentlicht werden können.
Etwas derartiges wäre auch in gewissen Ebenen der Politik sinnvoll …
Es hat keinen Sinn, gegen einzelne Symptome einer Entwicklung zu arbeiten und dabei den Kopf in den Sand zu stecken. Es ist eher wie in der Evolution: nur durch geschickte Anpassung erreicht man eine Verbesserung …
Oli:
@Felix: und deswegen verfälschen die Piraten die Tatsachen? Das ist ebenso manipulativ wie die Thesen dieses Bundesbankers.
Von einer basisdemokratischen Partei würde ich jedenfalls mehr Substanz erwarten und weniger auf potenzielle Wählerg…gruppen gerichteten Populismus – wie z.B. die Aussage, dass Killerspiele Symptom und nicht Ursache sind. Genau das ist eben nicht haltbar und populistisch. Es kommt einfach drauf an.
Nochmal Verbot nein, aber bitte nicht mit solchen Hanebüchenen Argumenten.
Außerdem könnten die Piraten auch mal dazu eine Meinung entwickeln, welche alternativen Möglichkeiten zum Aggressionsabbau unsere Gesellschaft anbieten könnte. Oder was in der Richtung.
Vielleicht, in ein paar Jahren, sind die Piraten sogar für mich wählbar. Wenn sie denn dann mal ihre basisdemokratischen Prinzipien wirklich leben. Und weniger populistisch geworden sind.
Felix:
Ich habe mit keinem Wort die Piraten erwähnt, sondern lediglich meine Meinung zur aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung geäußert :-)
Es geht hier nicht um Populismus oder Wählerstimmen. Die Kernursachen für die Gewaltbereitschaft und zune…hmende soziale Ungleichheit lässt sich eben gerade NICHT allein auf blödsinnige Killerspiele zurückführen.
Um zu der Einsicht zu gelangen, benötigt man keine (kommerziell beeinflussten) Studien, sondern nur ne kleine Portion gesunden Menschenverstsand und einen Blick in den Alltag …